AKG K-812 – Das Studiowerkzeug

Vollmundig bewirbt AKG den K-812 als „Referenzkopfhörer“ fürs Studio, aber auch für den anspruchsvollen Musikliebhaber. Hat er das Zeug dazu? Die technischen Daten des AKG-Topmodells lesen sich jedenfalls beeindruckend: 1,5-Tesla-Neodym-Antrieb, 53-mm-Treiber, Zweischicht-Schwingspule, ein Übertragungsbereich von 5 Hz bis 54 kHz. Das alles lässt auf ein großartiges Produkt hoffen, aber der Reihe nach:

 

Haptik/Verarbeitung

Geliefert wird der Kopfhörer in einer schmucken mit Stoff bezogenen Schatulle, die sich magnetisch verschließen lässt. Darin befindet sich nicht nur das Produkt, sondern auch ein hochwertiger Omega-Kopfhörerständer von Sieveking-Sound. Mit seinem geschwungenen Design ziert er jedes Sideboard und der Kopfhörer findet darauf auch sicher Platz.

Beim Materialeinsatz hat AKG jedenfalls nicht gekleckert, sondern richtig geklotzt: Die Federstahlbügel sind mit einem sich angenehm anfühlenden Kunststoff beschichtet, die gelochten Ohrmuscheln (der AKG gehört zu den offenen Kopfhörern) lassen den blauen Treiber durchschimmern und werden kardanisch aufgehängt. So passen sie sich jeder Kopfform an. Apropos anpassen: Das Kopfband besteht wie bei den kleineren Modellen nicht komplett aus Kunststoff oder Kunstleder, sondern ein Netzgewebe sorgt jederzeit für gute Durchlüftung.

 

Praxis

Eine Neuerung besteht beim 812er bei der Kopfbügelverstellung: Diese passt sich nicht automatisch via Gummizug an, was nach Jahren irgendwann ausleiert, sondern eine Zahnmechanik stellt die Ohrmuscheln per Knopfdruck rauf und runter. Hier muss ich auch gleich die erste Kritik loswerden: Bei meinem Exemplar funktionierte die Verstellmöglichkeit auf einer Seite nicht, der Knopf ließ sich nicht einrasten. Also schickte ich das teure Stück zur Garantiereparatur und nach 6 Wochen kam er unrepariert (!) zurück. Da ich nicht noch ein weiteres Mal auf eine „Nichtreparatur“ warten wollte, legte ich selbst Hand an und was entdeckte ich? Der Stift zum Reindrücken war viel zu dick, sodass ich diesen erst mit einer Feile bearbeiten musste. Bei einem so hochpreisigen Produkt darf so etwas nicht passieren!

Die Ohrpolster aus Kunstleder fühlen sich sehr angenehm an, trotz seines hohen Gewichts von 390 Gramm sitzt der Kopfhörer recht locker auf dem Kopf, sodass man nach kurzer Zeit vergisst, dass man einen solchen trägt. Aufpassen muss man allerdings beim Neigen des Haupts, hierbei kann der K-812 leicht runterrutschen.

Im Gegensatz zum K-712, dessen Anschlusskabel mit Mini-XLR andockt, findet beim großen Bruder dies mit einem Lemo-Stecker, der normalerweise in der Medizintechnik verwendet wird, Halt. Am anderen Ende des 3 Meter langen Kabels sitzt ein schraubbarer Adapter von 6,3- auf 3,5-mm-Klinke. So kann man den 812 auch dank seiner niedrigen Impedanz von 36 Ohm an Mobilgeräten verwenden, wobei mein Smartphone damit schon überfordert ist. Hier sollte man in einen externen Kopfhörerverstärker investieren. Für mobile Anwendungen fällt das Anschlusskabel allerdings zu lang aus, AKG hat aber auch ein 1,4 Meter langes zu 140,- (!) Euro im Angebot.

 

Klang

Ich besaß ja schon einige AKG-Kopfhörer (K-500, K-701, K-712, aktuell noch den K-267, der nicht mehr erhältlich ist), aber die offenen Varianten konnten mich bis jetzt im Tiefbass nicht wirklich überzeugen. Als Organist müssen abgrundtiefe Orgelbässe, die bis 16 Hz reichen, mir wohlige Schauer über den Rücken jagen. Als Prüfstein wählte ich eine Aufnahme der Kölner Domorgel, die sogar über einen 64‘ verfügt, der bis 8 Hz hinunterreicht. Und was soll ich sagen? Das Klangerlebnis war fast wie in der Kölner Kathedrale, in der ich kurz zuvor weilte und das Original hören durfte. Dabei spielte sich das Klanggeschehen wie bei der Im-Kopf-Lokalisation üblich, eben nicht im Kopf ab, sondern es strömte von allen Seiten auf den Hörer ein, wie ich es vorher bei einem Kopfhörer noch nie erlebt hatte.

Spiele ich zuhause an meiner Orgel, die die gesampelten Pfeifen über hochwertige Studiomonitore wiedergibt, habe ich mich schon öfter dabei erwischt, dass ich ungläubig den Kopfhörer abnehme, um nachzuprüfen, ob die Monitore nicht doch mitlaufen, so unglaublich natürlich werden die Klänge reproduziert.

Hochwertig gemasterte Aufnahmen sind ein Genuss, der 812 schält mit einer Selbstverständlichkeit auch das kleinste Detail heraus, weswegen ich ihn auch mittlerweile beim Mixen und Mastern den Monitoren vorziehe. Dank der wie oben erwähnten kaum vorhandenen IKL lassen sich Instrumente ohne Mühe auf der virtuellen Bühne platzieren. Diese „akustische Lupe“ birgt allerdings auch ihre Nachteile: Schlechte Aufnahmen werden schnell entlarvt, ja teilweise sogar unerträglich.

Das soll aber nicht heißen, dass der AKG nun das kühle Analysewerkzeug ist, er bringt auch die Wärme ins Spiel, die ich bei den kleineren Brüdern immer vermisst habe. Der anfangs erwähnte Bassbereich drängt sich niemals in den Vordergrund, bleibt dabei aber immer präzise wie überhaupt die gesamte Impulswiedergabe. Die Höhen wirken glasklar, ein hart angeschlagenes Becken lässt den Hörer auch einmal zusammenzucken, Holzblasinstrumente zum Beispiel besitzen jenen Schmelz, den nur ein Topkopfhörer übermitteln kann.

 

Fazit  

800,- Euro sind eine Menge Geld, jedoch sehr gut angelegt. Der K-812 bietet wirklich in allen Belangen Topleistung und verdient den mittlerweile strapazierten Begriff „Referenz“. Der Verarbeitungsmangel bei meinem Exemplar war aber hoffentlich nur ein Ausrutscher. Der Service der ehemals österreichischen Firma, die noch nicht lange zum Samsung-Konzern gehört, bleibt aber verbesserungswürdig.

tf11972

Hallo, ich bin Thomas. Neben meinem Broterwerb im Bildungssektor beschäftige ich mich in meiner Freizeit gerne mit hochwertiger Musikwiedergabe, die familiär bedingt auch immer mehr über Kopfhörer geschieht. Daneben dienen mir Kopfhörer aber auch als Arbeitswerkzeug für mein neues Hobby, das Sampling von Pfeifenorgeln.

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